Wilhelmshaven

17.09.2019


Gastbeitrag von Frank Oltmanns: "Die Steigerung von Chaos heißt Marineinstandsetzung"


Der Autor ist Mitglied im Vorstand des Verdi-Landesbezirks Niedersachsen und seit 2010 Vorsitzender des örtlichen Personalrats des Marinearsenals Wilhelmshaven.


Frank Oltmanns, M itglied im Vorstand des Verdi-Landesbezirks Niedersachsen, arbeitet seit 40 Jahren für die Bundeswehr: zwei Jahre als Marinesoldat,  16 Jahre als Elektroniker in der Radarwerkstatt des Marinearsenals und seit   22 Jahren als freigestellter Personalrat in Personalvertretungsgremien der Bundeswehr.  Foto:    Weers

Frank Oltmanns, Mitglied im Vorstand des Verdi-Landesbezirks Niedersachsen, arbeitet seit 40 Jahren für die Bundeswehr: zwei Jahre als Marinesoldat, 16 Jahre als Elektroniker in der Radarwerkstatt des Marinearsenals und seit 22 Jahren als freigestellter Personalrat in Personalvertretungsgremien der Bundeswehr. Foto: Weers

 

Von Frank Oltmanns

Wilhelmshaven - Man denkt immer, schlimmer können „die da oben“ es doch nicht noch machen. Aber weit gefehlt - unsere Manager können das. Die Steigerung von Chaos heißt Marineinstandsetzung, und das ist noch ein Kompliment.

Mit dem, was seit 1990 alles schiefgelaufen ist, könnte ich dicke Bücher füllen. Alles wird seit jeher grundsätzlich auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen. Was haben wir nicht alles an Umstrukturierungen und „Umorganisationsorgien“ über uns ergehen lassen müssen? Die haben alle nichts gebracht, sondern es von Mal zu Mal nur noch verschlimmbessert. Externe Beraterfirmen wurden hinzugezogen, die von der Marine nicht den blassesten Schimmer haben.

Ich habe über die Jahre den Eindruck gewonnen, dass unsere „studierte Elite“ nicht mehr die Fähigkeiten besitzt, die anstehenden Probleme adäquat zu lösen. Es kommt mir so vor, als ob sie alles nur aus der Theorie kennen, aber kein praktisches Wissen haben. Sie meinen, tolle Ideen zu haben, wollen das Rad neu erfinden und starten ihre Projekte. Nach drei Jahren sind sie wieder weg - sie identifizieren sich ja überhaupt nicht mit der Marine/Bundeswehr. Der Scherbenhaufen, den sie hinterlassen haben, bleibt da.

Dann kommt der nächste mit einer anderen „Wahnsinns-Idee“ und das gleiche Spiel geht von vorn los. Ich fege seit 20 Jahren die Scherbenhaufen weg, die uns unsere Eliten hinterlassen haben.

Kein Wunder, dass mit den Abläufen immer mehr bergab geht. Bei der Marineinstandsetzung ist keine langfristige, wohl überdachte Strategie erkennbar. Ganz im Gegenteil, ein hervorragend organisierter Betrieb wie das Marinearsenal in Wilhelmshaven, Kiel oder Warnemünde - und vor allem funktionsfähige Strukturen - wurden ohne Not über Nacht, völlig überhastet, unüberlegt und umsonst geopfert für irgendwelche „Visionen“.

Die Praxis bei der Marine unterscheidet sich eben ganz erheblich von der Theorie. Es gibt so viele unvorhersehbare Variablen im täglichen Betrieb, selbst die beste Theorie kann die Praxis nicht annähernd ersetzen. Chronischer Personalmangel, wegen jahrelang verfehlter Personalpolitik, ist an der Tagesordnung. Pünktlicher Feierabend, Freizeit- und Familienleben - Work-Life-Balance, was ist das? Warum ist der Krankenstand so hoch? Darüber muss man sich doch mal Gedanken machen.

So jedenfalls schaffen wir es nicht, die Schiffe annähernd in der gesetzten Zeit in Fahrt zu bringen. Die Besatzungen und Kommandeure sind tief enttäuscht.

Unsere Kollegen vor Ort können einem leid tun, sie bekommen den ganzen aufgestauten Frust und Ärger der Besatzungen direkt zu spüren, obwohl sie an den Versäumnissen keinerlei Schuld tragen. Und so etwas ist leider häufig an der Tagesordnung, kaum eine große Instandsetzung, die störungsfrei von Anfang bis Ende verläuft.

Wahrscheinlich hat schon Bismarck erkannt, dass die Marineinstandsetzung eine hoheitliche Aufgabe ist, sie dient der öffentlichen Daseinsvorsorge und darf unter keinen Umständen privatisiert werden. Auch hat er gewusst, dass die Marineinstandsetzung niemals rentabel geführt werden kann und deshalb ein Staatsunternehmen bleiben muss, das aus Steuergeldern finanziert wird.

Auch die EU ist mit der Einstellung, dass es mehr Wettbewerb in den Verteidigungsangelegenheiten geben müsste, auf einem völlig falschen Pfad. Wettbewerb hat nicht nur Vorteile und sorgt längst nicht immer nur für niedrigere Preise. Da hätte es einen Aufschrei in der Bevölkerung geben müssen, aber nichts ist passiert. Die heimlichen Privatisierungen und aufwendigen Fremdvergaben wurden einfach abgenickt und durchgewunken. Ein grundlegender, schwerwiegender Fehler.

Wehe, wehe, wenn die Leistungen des Marinearsenals weiter privatisiert und aus dem Rüstungskomplex herausgelöst werden, wie es einige Politiker fordern, dann werden wir beängstigende Zustände bekommen! Die Marineinstandsetzung ist ein Verbundsystem, wo ein Rädchen in das andere greift, sehr arbeitsteilig, das funktioniert nur reibungslos, wenn alles zusammenbleibt. Das Wissen um die Marineinstandsetzung und die damit verbundene Entscheidungskompetenz gehören in unmittelbare Nähe der Marineflotte. Kurze, pragmatische Wege wären ein Lösungsansatz aus dem derzeitigen Desaster. Eine weitere Zersplitterung der Zuständigkeiten, sowohl organisatorisch als auch geografisch, wird die Instandsetzungsprozesse absehbar weiter verlängern und verteuern.

Die Bundeswehr hatte über lange Zeit eine gewachsene Behördenstruktur, wohl strukturiert. Das hat funktioniert, wurde von Praktikern geführt, die den Betrieb noch kannten. Damals liefen die Instandsetzungen noch relativ pünktlich und zuverlässig. Es gab Reserven an Personal, an Schiffen, an Ersatzteilen, alles war in ausreichendem Maße vorhanden. Heute verwalten wir nur noch den Mangel. Man hat die Bundeswehr zugrunde gerichtet - vorsätzlich und völlig unnötig.

Warum die Bundeswehr in Deutschland nicht vorankommt, liegt auch zum großen Teil an den Werften und der Wehrindustrie. Die Macht der Großkonzerne der Rüstungsindustrie ist gigantisch. Aufträge für die Bundeswehr sind so etwas wie die Lizenz zum Gelddrucken. Der Einfluss dieser Lobby in Berlin darf keinesfalls unterschätzt werden.

Und warum kauft unsere politische Führung für viel Geld funktionsunfähige neue Fregatten, Korvetten und U-Boote? Da schämt man sich als Arsenäler ja in Grund und Boden.

Wo liegt nun die Lösung des Problems? Ich habe leider auch keine Patentlösung, nur ein paar Ansätze. Veränderungen fangen im Kleinen an, bei jedem Einzelnen von uns. Des Deutschen ungeliebtes Kind ist die Bundeswehr, da fängt es an. Hilfe bei Flutkatastrophen oder Waldbränden und den Kreuzfahrtschiffen die Piraten vom Hals schaffen, nur mal beispielhaft, das gefällt der Gesellschaft. Den Rest der Zeit soll nicht geübt werden, und alles soll nichts kosten. Solange die überwiegende Mehrheit so denkt, wird sich nichts ändern.

Wir bräuchten einen gesellschaftlichen Konsens über ein Umdenken in diesem Punkt. Das geht nur über unsere gewählten Abgeordneten. Die müssen sich in Berlin endlich dafür einsetzen, dass der Bundeswehr Vorrang eingeräumt und sie zur Chefsache gemacht wird. Schließlich werden die Bundeswehreinsätze im Bundestag beschlossen.

Die Soldaten haben Anspruch auf Planbarkeit ihrer Einsätze und brauchen - und das kann man von einer führenden Industriemacht verlangen - Top-Material. Geld ist genug da, es müsste nur an der richtigen Stelle ausgegeben werden. Wir hätten eine der besten Armeen der Welt mit sehr motiviertem Personal, davon bin ich felsenfest überzeugt. Wir besitzen - noch - das Potenzial dazu.