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Wilhelm II

24.03.2009


Wilhem II. und seine Marinestadt – zum 150. Kaisergeburtstag


Von: Von Prof. Dr. Ingo Sommer

Die Berliner jubilierten am 27. Januar 1859, denn die 19jährige Prinzessin Viktoria (1840-1901), Ehefrau des späteren 99Tage-Kaisers Friedrich III. (1831-1888) hatte den Thronfolger Wilhelm geboren.


Dessen Großvater Wilhelm (1797-1888), der als Wilhelm I. zehn Jahre später Wilhelmshaven einweihen sollte und nach dem die Marinestadt benannt ist, führte zu dieser Zeit die Regierungsgeschäfte für den kranken Friedrich Wilhelm IV. (1795-1861), den architekturambitionierten Wilhelmshaven-Planer.

Der 10 jährige Wilhelm war 1869 bei der Stadteinweihung nicht dabei, besuchte aber zusammen mit Vater und Mutter wenige Tage später, auf dem Rückweg von Norderney-Ferien, erstmalig Wilhelmshaven, begeisterte sich für die moderne Schiffstechnik und die neuzeitliche Stadtgründung. Im Dreikaiserjahr 1888 zog der 29jährige als Wilhelm II., deutscher Kaiser und König von Preußen ins Berliner Schloss. Die Liebe zur Marine und zu Wilhelmshaven symbolisiert seine Modernität und Weltoffenheit.


Vielleicht 70mal, besuchte Wilhelm II. per Hofzug oder Kaiseryacht HOHENZOLLERN seinen Kriegshafen und residierte in der Kaisersuite des Marinestationsgebäudes am Adalbertplatz oder in seinen Kaisergemächern auf der HOHENZOLLERN. Wilhelmshaven könnte Residenzstadt der Hohenzollern sein - nur, die aus Berlin nach Wilhelmshaven versetzten Ingenieure und Offiziere der Marine bildeten eben keinen Hofstaat.


Die Kulturgeschichtsschreibung hat das nach Wilhelm II. benannte Wilhelminische Zeitalter (1888-1918) vernachlässigt, verkannte seine architekturgeschichtlichen Bezüge und historischen Ideen. Es ist noch nicht lange her, dass in Schulen, Universitäten und Kunstlexika die angeblich grotesken Kitschfassaden und vorgeblich monströsen Übertreibungen als Geschmacksverirrungen eines größenwahnsinnigen Monarchen lächerlich gemacht wurden. Es wurde abgerissen und entstuckt, was nur eben nach Wilhelm II. aussah, auch in Wilhelmshaven. Die wilhelminischen Straßennamen wurden gleich mit entsorgt. Dabei übersah man gerne:

  • Dass Wilhelminismus auch Wegbereiter für Neues Bauen und für beginnende Moderne war. Station auf einem langen Weg von Schinkels Klassizismus zur rei-nen Form von Beton, Stahl und Glas. Wilhelm II. konnte noch nicht gegen Architekturmoderne kämpfen, die erst 1919 mit dem Bauhaus begann.
  • Dass Wilhelm II. auch protomoderne Architekten wie Hoffmann, Messel, Möh-ring, Goecke, Paul, Muthesius, Grenander, van de Velde, Behrens, Poelzig gefördert hat. Ihre Einflüsse reichten bis nach Wilhelmshaven.
  • Dass prunkvoll historisierende Monumentalbauten keine Erfindung eines eigenmächtigen Monarchen waren, sondern dass sie bereits vor dem Regierungsantritt von Wilhelm II. in England und Frankreich aufkamen.
  • Dass bei Spekulanten, Unternehmern, Bankiers und Neureichen beliebte überladene Stuckfassaden ja gerade von Wilhelm II. bekämpft wurden.
  • Dass es auch zu mannigfaltigen Versuchen kam, Architektur zu erneuern: Jugendstil (1896), Gartenstadtbewegung (1902), Wohnungsreform (1904), Werk-bund (1907) und Expressionismus (1911). Auch hier war Wilhelmshaven eines der wichtigsten reformerischen Experimentierfelder der Kaiserzeit.
  • Dass Wilhelm II. für den Weg zur neuen Architektur bedeutsame, technisch zweckmäßige und hochmoderne Ingenieurbauten vorantrieb: Brücken, Hafenbauten, Werften, Schleusen, Kraftwerke.

Viele deutsche Städte, besonders aber Wilhelmshaven, wuchsen im Zeitalter von Wilhelm II. und erhielten ihr noch heute prägendes Stadtbild. Das preußische Wilhelmshaven (einschließlich Rüstringen) verfünffachte (!) unter Wilhelm II. seine Einwohner von 22.000 auf 110.000. Wilhelmshavens Mutterstadt Berlin wuchs in dieser Zeit von 1,3 Mio. auf 2 Mio. Einwohner.


Wilhelm II. beeinflusste, mehr als bisher bekannt, Baukultur mit eigenen Ideen und imperialen Ansprüchen: Durch öffentliche Bauaufträge, großartige Stadterweiterungen, persönliche Architektenkontakte und sogar eigene Skizzen. Architektur war die große Leidenschaft Wilhelms II. In der Baukunst brachte er es zu beträchtlichen Kenntnissen und Fertigkeiten.


In Wilhelmshaven sind, den Abrissen zum Trotz, die architektonischen Spuren von Wilhelm II. allenthalben erkennbar: Der Monarch war wegen ihrer imperialen Aura vor allem an architektonischen Denkmälern interessiert: Kaiser Wilhelm I. Denkmal (1896), Denkmal II. Seebataillon (1902), Denkmal 2. Matrosendivision (1903), Werftdivisionsdenkmal (1909) und Colignydenkmal (1912).


Die originellen Fassaden der repräsentativen Marine-, Garnison- und Werftbauten dienten den dynastischen Herrschaftsansprüchen von Wilhelm II. durch wuchtige Dimensionen, künstlerische Darstellungen und historische Stilzitate: 1000-Mann-Kaserne (1888), Ingenieuroffizierschule (1891), Graf-Spee-Kaserne (1899), Marine-Offizierskasino (1903), 1. Torpedokaserne (1905), Marineintendantur(1906), Kasernenanlage Gökerstraße (1907), 2. Torpedokaserne (1909), Marinebekleidungsamt (1911) und Kasernenanlage Mühlenweg (1912).


Wilhelm II. und Kaiserin Auguste Victoria förderten persönlich die Evangelische Banter Kirche (1900), Evangelische Christuskirche (1901), Katholische Garnisonkirche (1901) und Katholische Willehadkirche (1911).


Die „Technische Kaiserstadt“ wie Nicolaus Sombart Wilhelmshaven nannte verfügte und verfügt noch heute über atemberaubend moderne Ingenieurarchitektur, die insbesondere mit dem 3. Hafenbauabschnitt (1914) verbunden sind: Jachmannbrücke (1890), Nordkraftwerk (1905), Pumpwerk Süd (1907), Kaiser-Wilhelm-Brücke (1907), Deichbrücke (1908), Südzentrale (1910/1918), Westwerft (1913), Seeflughafen (1914), Minendepot (1914), Torpedolagerhaus (1918).


Wilhelm II. lagen die Gemeinschaftsbauten für seine Marine besonders am Herzen: Werftkrankenhaus (1888), Werftspeisehaus (1902), Seemannshaus (1903), Lazaretterweiterung (1906), Arbeiteramt (1907), Kaiser-Friedrich-Kunsthalle (1913). Dazu kamen die öffentlichen Bauten der nach Wilhelmshaven geschickten Planer: Wolf, Zopff, Wagner, Hahn und Migge. Sie setzten zeitgemäßes soziales Grün, Genossenschaftssiedlungen, Schulen, Strandanlagen durch.


Die Wilhelmshavener Bauten aus dem Zeitalter Wilhelms II. erscheinen einerseits bürgerlich und bewahrend, andererseits jung und nach vorn gerichtet. Hier dynastische Repräsentation, imperiales Aufbegehren, gebildetes Kunstverständnis und historienverliebte Traditionssehnsucht. Dort moderne Technikeuphorie, triumphierende Moderne, revolutionärer Zeitgeist und zuversichtlicher Fortschrittsglaube.


Die Bemühungen von Wilhelm II., mit antiken Bauformen die Architektur zu erneuern, konnten nicht dauerhaft erfolgreich sein. Gleichwohl verdanken viele deutsche Städte, so auch Wilhelmshaven, den drei wilhelminischen Jahrzehnten ihr prägendes Äußere. Allerdings bedürfen die alten Stadtbilder, Wohnquartiere und Fassaden erhöhter Aufmerksamkeit, um nicht herunterzukommen. Eine in der heutigen Zeit nicht ganz einfache Aufgabe für die Wilhelmshavener Stadtverantwortlichen.

 

Der Autor war drei Jahrzehnte Leiter des Hochbauamtes Wilhelmshaven. Er lebt als Architekturhistoriker in Berlin-Brandenburg.