Wilhelmshaven

08.01.2018


Interview: „Wagen, es anders zu machen“


Wo fängt ein Übergriff an und warum sind bestimmte Personengruppen häufiger betroffen als andere? Sexualpädagogin Daniela Thörner ist Expertin auf dem Gebiet.


Daniela Thörner ist Sozialpädagogin, Sexualpädagogin und Diversity Trainerin. In Berlin bietet sie Fortbildungen, Vorträge und Elternabende zu Inklusion, Vielfalt und Sexualpädagogik an. Foto: Volke/P

Von Juliane Minow

WZ: Frau Thörner, stellen wir uns folgende Situation vor: Eine Mutter geht mit ihrem Kleinkind spazieren, als eine fremde ältere Frau dem Kind ungefragt den Kopf tätschelt. Die Mutter reagiert empört, die ältere Frau fühlt sich angegriffen.

Übertreibt die Mutter oder ist das Verhalten der Fremden schon ein Übergriff?  

Daniela Thörner: Das möchte ich gern mit einer Gegenfrage beantworten. Stellen Sie sich vor, jemand tritt an Sie heran und fasst Ihnen ohne zu fragen ins Gesicht. Ist das für Sie in Ordnung?

WZ: Natürlich nicht. Da stellt sich die Frage gar nicht erst. 

Thörner: Ganz genau. Ein Übergriff ist meiner Definition nach erst mal alles, was für die betroffene Person nicht in Ordnung ist. Aber an der beschriebenen Situation sieht man auch, wo das Problem liegt und wie die Gesellschaft mit Kindern umgeht.   Das Kind ist ein Mensch wie Sie und ich, aber in dieser Situation wird angenommen, die Grenzen von Kindern seien grundlegend andere als die von Erwachsenen.

WZ: Woran liegt das? 

Thörner: In unserer Gesellschaft gibt es verschiedene Personengruppen, die als schwächer angesehen werden als andere. Dazu zählen Kinder, aber auch Frauen, ältere Leute oder Menschen mit Behinderungen und Migrationshintergrund. Bei diesen Gruppen haben Menschen häufiger das Gefühl, sich bestimmte Dinge erlauben zu dürfen. Überlegen Sie zum Beispiel mal, wie oft Sie schon erlebt haben, dass die Haare eines schwarzen Menschen von Fremden angefasst werden. Das würde einem weißen, mittelalten, heterosexuellen Mann eher nicht passieren – selbst, wenn er tolle Haare hat. 

WZ: Hat das Ganze also auch etwas mit Diskriminierung zu tun?

Thörner: Definitiv.  Es gibt verschiedene Arten von Diskriminierung: Adultismus beschreibt Diskriminierung  junger Menschen, Ableismus wegen Behinderungen, Rassismus wegen der Herkunft oder Hautfarbe, Sexismus wegen des Geschlechts. Und in jeder Kategorie gibt es Gewinner und Verlierer: Erwachsene über Kinder, nicht behinderte über behinderte Menschen, weiß über schwarz, Männer über Frauen. Das ganze hat mit Macht zu tun. In je mehr Merkmalen Individuen zu den Nichtprivilegierten zählen, desto häufiger sind sie erfahrungsgemäß Opfer von Übergriffen.  

WZ: Wenn man Ihre eingangs erklärte Definition von Übergriffen anwendet, sind wir dann nicht fast alle ständig Opfer davon?

Thörner: Ja. Viele von uns lassen sich oft Sachen gefallen, die sie eigentlich nicht möchten. Und da kommen wir wieder auf das Thema Kinder und die Situation vom Anfang zurück. Im Kindesalter nämlich fängt das an. Den meisten von uns wird von klein auf anerzogen, dass wir es dulden müssen, wenn andere uns anfassen. Als Baby hat man diesen Reflex noch, dass man sich wehrt, wenn etwas unangenehm ist. Mit zunehmendem Alter aber verlernen wir, auf unsere  Grenzen zu hören. Wir wissen dann gar nicht mehr, was für uns eigentlich okay ist und wo eine Grenze überschritten wird.

WZ: Welche Rolle spielt da die Erziehung der Eltern?

Thörner: Eine sehr entscheidende. Die beschriebene Situation, dass fremde Leute Kinder anfassen, kommt sehr häufig vor. Untypisch ist sie in dem Sinne, dass die Mutter sich für ihr Kind stark gemacht hat. Das tun die meisten Eltern nicht. Nicht nur, was fremde Leute betrifft, sondern auch die Oma, der Nachbar oder Erzieherinnen im Kindergarten. Möglicherweise, weil sie einen Konflikt vermeiden wollen oder denken, so schlimm ist das alles nicht. Durch die Passivität der Eltern lernen die Kinder aber, dass  sie dieses aufdringliche Verhalten dulden müssen.