Wilhelmshaven

27.02.2018


Dem Mythos Inselwanderung auf dem Grund gehen


Der Senckenberg-Wissenschaftler Burghard Flemming will mit dem Mythos aufräumen, die Ostfriesischen Inseln wanderten von West nach Ost. Er weiß, was sich vor der Küste bewegt.


Der Sedimentologe und Meereswissenschaftler Prof. Dr. Burghard Flemming kennt sich mit den Veränderungen im Watt bestens aus.    WZ-Foto:    Siefken

Der Sedimentologe und Meereswissenschaftler Prof. Dr. Burghard Flemming kennt sich mit den Veränderungen im Watt bestens aus. WZ-Foto: Siefken

Die Südostwanderung der Insel Juist um ein bis zwei Kilometer seit  1650.   Grafik:    Senckenberg

Die Südostwanderung der Insel Juist um ein bis zwei Kilometer seit 1650. Grafik: Senckenberg

Auch die Formveränderung der Insel Spiekeroog  beruht auf Sediment aus dem näheren Umfeld der Insel.  Grafik:    Senckenberg

Auch die Formveränderung der Insel Spiekeroog beruht auf Sediment aus dem näheren Umfeld der Insel. Grafik: Senckenberg

 

Von Hartmut Siefken

Wilhelmshaven - Als Kleinkind schon hat Burghard Flemming mit sehr viel Sand spielen können. Er wurde in Swinemünde auf der Ostseeinsel Usedom, dem heutigen Swinoujcie, geboren. als Kind schon hatte er den Wunsch, Meeresgeologe zu werden; die Filme des legendären Jacques Cousteau faszinierten ihn.

Sein ganzes Wissenschaftlerleben hat er damit verbracht, Sedimente, vornehmlich Sand, am Meeresgrund zu beobachten, vor allem seine Verlagerungsprozesse. Was bewirken Strömungen im Meer dabei genau? war und ist seine über allem stehende Frage. Ein Forschungsgegenstand ist das Watt und die ostfriesischen Inseln. Auch sie bewegen sich scheinbar.

„Wandern die Ostfriesischen Inseln? Und wenn ja, wie schnell und warum?“. Auf diese Frage will der ehemalige Leiter des Forschungsinstituts Senckenberg am Meer heute um 19 Uhr in einem Vortrag im Wattenmeer-Besucherzentrum, Südstrand 110 b, eine Antwort geben. Der Vortrag ist der letzte in der Reihe, die anlässlich der Senckenberg-Ausstellung im Dachgeschoss des Besucherzentrums gezeigt wird. Beides, Vorträge und Ausstellung, fanden aus Anlass des 200-jährigen Bestehens der naturforschenden Gesellschaft Senckenberg statt. Auch die Ausstellung wird mit Ablauf dieses Monats beendet.

Die West-Ost-Wanderungsbewegung der ostfriesischen Inseln ist ein Mythos, so Flemming - jedenfalls insofern, als würde Material von den Niederlanden nach Dänemark verdriften. Auch wenn vor den Inseln die Oberflächenströmung entgegen dem Uhrzeigersinn die Küsten entlangzieht, wandern die Sande nicht in diese Richtung mit. Mehr Wirkung entfalten Tide und Meeresspiegelanstieg auf die Lage der Inseln. Sie rücken auf das Festland in südsüdöstlicher Richtung zu.

Die deutsche Nordseeküste ist bis weit ins Hinterland geprägt von den Eiszeiten. Die Gletscher schoben sich bis in die Norddeutsche Tiefebene vor und hinterließen, als sie sich zurückzogen, das die Landschaft prägende Sediment. Vor 8000 Jahren lag der Meeresspiegel 50 Meter tiefer. Die Doggerbank in der westlichen Nordsee lag trocken, der Küstensaum befand sich rund 100 Kilometer nördlich.

Als der Meeresspiegel immer weiter stieg, wurde der Rand des Festlandschelfes überspült. Bis in 15 Meter Tiefe wirkt sich die Kraft der Wellen auf das Sediment des Meeresbodens aus. Weil der Kraftvektor von Wellen in Richtung Land stärker ist als die Rückzugsbewegung der Wellen, wurde viel Sediment in Richtung des heutigen Küstenverlaufs gespült.

Die Inseln vor der ostfriesischen und oldenburgischen Nordseeküste bestehen aus feinen Sanden, die im Zusammenspiel von Meeresströmungen und westlichen Winden zu Dünen aufgetürmt wurden. Sie haben sich seit etwa 1200 v. Chr. von periodisch überfluteten Sandplaten zu teilweise hochwasserfreien Strandwällen bis hin zum Endstadium Dünen tragender Inseln entwickelt. Ein Vorgang, der auch heute noch stattfindet (z. B. die Kachelotplate westlich Juist).

 

90 Jahre Senckenberg am Meer
Die Nordsee und später die Ozeane dieser Welt - Senckenberg am Meer erforscht Geologie und Biologie der Meere. Das Institut besteht seit 90 Jahren, fast halb so lang wie die Naturforschende Gesellschaft Senckenberg mit Sitz in Frankfurt. Daran erinnerte eine Ausstellung über die „Schönheit im Verborgenen - Mikrokosmos Ozean“ im Wattenmeer-Besucherzentrum, Südstrand 110 b. Diese Ausstellung endet heute. Zum Abschluss hält Prof. Dr. Burghard Flemming, ehemaliger Direktor des Instituts am Dienstag ab 19 Uhr im Vortragssaal des Besucherzentrums einen Vortrag über die „Wanderung“ der Ostfriesischen Inseln. Mit dieser Folge endet auch die Serie der „Wilhelmshavener Zeitung“ über die Forscher und ihre Arbeit bei Senckenberg