Zukunft im Süden - 14.09.2017


Bunter Konfettiregen für Wilhelmshaven


Sechs Wochen lang jeden Sonnabend gab es in der Suedbar im Alten Jadebad Livemusik, Kunst und viele Aktionen. Hier die Band „Not a whale“. Foto: Guleikoff/p

Konfetti ins Leben pusten, das ist das Motto der Suedbar. Foto: Guleikoff/p

Als „Zeitzeuge“ berichtete Michael Martens über seine Erlebnisse im Jadebad. Foto: Guleikoff/p

100 Kilo Konfetti regneten bei der diesjährigen "Suedbar" über Wilhelmshaven hernieder. Das bunte Programm im Alten Jadebad fand großen Anklang.


 

Südstadt/br - „Ich habe hier schwimmen gelernt 1964. Eine meiner schönsten Kindheitserinnerungen! In den Ferien waren wir jeden Tag hier.“ oder „Wir haben hier Schwimmen gelernt, an einer Angel, an einer alten, großen, kratzigen Angel und haben immer ins tiefe Wasser geguckt und dann uns ganz schnell beeilt, dass wir Schwimmen lernen, damit wir wieder weg kommen von der Angel.

Die Erinnerungen purzeln nur so aus den Besuchern der diesjährigen Suedbar heraus. Sie, oft im Rentenalter, sind auf Entdeckungsreise in die Vergangenheit, während die Jüngeren diesen Ort ganz neu für sich entdecken, meistens vorher noch nie vom Jadebad gehört haben. Sie alle tanzen zum Beat der Bands oder DJs, sausen die Rampe mit dem Bobbycar herunter, spielen entspannt eine Runde Boule, schauen sich die Werke regionaler Künstler an, tauchen ein in die Geschichte dieses Ortes, wärmen sich an einer der im Außengelände aufgestellten Feuertonnen oder pusten sich ganz nach dem Motto der Suedbar-Veranstalter selbst Konfetti ins Leben. 100 Kilogramm der bunten Lebensfreude sind bis zum Ende der diesjährigen Suedbar durch die Luft geflogen und rieselten aus einem alten Lampenschirm, der zu einer Konfettidusche umgebaut wurde.

Wer in der Südstadt groß geworden ist, hat hier im Jadebad seine Kindheit verbracht, hat Schwimmen gelernt, an der Angel, in dem ungeheizten Wasser direkt aus dem Ems-Jade-Kanal. Bis 1980, dann war Schluss. Das Bad war in die Jahre gekommen, aus der Zeit gefallen, ein Neues wurde am Sportforum gebaut. Inzwischen ist das Becken zugeschüttet, die Natur erobert das Gelände zurück. Zum Schluss von einem Rockerclub genutzt, dann von der Stadt gekauft, leer gestanden wurde des Jadebad von der Neue Botschaft Sued e.V. wiederentdeckt und dem Verein vom städtischen Eigenbetrieb GGS zur Nutzung zur Verfügung gestellt.

Ihr Ziel temporär, leer stehende Gebäude mit Leben und Kultur zu füllen und ihnen einen neuen Nutzungszweck zu geben, ist in diesem Jahr komplett aufgegangen - sechs Wochen lang, jeden Sonnabend, jede Woche mit Besuchern von jung bis alt. Wie viele ehrenamtliche Stunden der 20-30 Vereinsmitglieder und Helfer hier seit April in Vorbereitung und Umsetzung hineingeflossen sind, lässt sich nicht beziffern.

Vor vier Jahren mit der Suedbar begonnen, froh darüber um die hundert Menschen pro Abend anzuziehen, hat sich das Projekt Jahr für Jahr weiter entwickelt und ist in diesem Jahr zu neuer Größe und Bekanntheit gewachsen. Viel umfangreicher als in den Jahren zuvor im ehemaligen Möbelhaus Adena am Theaterplatz oder dem ehemaligen Schlachthof gleich um die Ecke, sind insgesamt über 5000 Gäste an den sechs Abenden in die Suedbar im ehemaligen Jadebad geströmt und haben den gut 20 Bands und DJs aus Wilhelmshaven, Oldenburg, Hamburg, Amsterdam, Lüneburg und dem Rheinland gelauscht.

Sie alle sind ohne Gage aufgetreten, unterstützen das ehrenamtliche Projekt lediglich gegen einen herumgehenden Hut, den die Besucherinnen und Besucher großzügig Woche für Woche füllten. Gelegenheit hat es auch Woche für Woche gegeben, entspannt die Werke von insgesamt 31 Künstlerinnen und Künstlern in der zweiten Halle, dem sogenannten Kunstbecken, zu bestaunen. Hier war an den roten Klinkermauern vom inklusiven Graffiti-Projekt des Jugendzentrums Point und der Schule an der Deichbrücke, über den Designprofi Holger Mühlbauer bis hin zu heiß begehrten Bildern vom Kollektiv Radikalbunt aus der Alten Molke ein Querbeet der regionalen Kunst zu bewundern. Mehrere Kunstwerke konnten verkauft werden, eine Künstlerin hat ein Angebot zur Ausstellung in einer anderen Galerie bekommen.

Sich selbst Konfetti ins Leben gepustet haben sich auch zahlreiche andere Vereine, die die Gelegenheit genutzt haben, ihre Arbeit in der Suedbar vorzustellen. Wie die Footballer der Jade Bay Buccaneers mit einem Show- und Schnuppertraining und anschließendem Flag-Football- Spiel, die Damen-Mannschaft der Jade Baskets, Studierende des künftigen Freiblock Cafés, das in der Südstadt bald seine Pforten öffnen wird und die DIY-Werkstatt. Ein großes Meet up für Fotografen, Models und Visagisten hat großen Anklang gefunden. Beim offiziellen Wilhelmshaven-Vorentscheid für den Kiwanis-Poetry-Slam im kommenden Jahr konnten junge und alte Talente ihre Texte präsentieren.

Vereinsvorsitzender Jens Bertram der Neuen Botschaft Sued ist überglücklich mit dem Verlauf der diesjährigen Suedbar-Saison: „Das Gebäude hatte für unzählige Wilhelmshavener eine starke Anziehungskraft über die komplette Zeit, auch innerhalb der Woche sind immer wieder Leute vorbeigekommen, um einfach zu schauen.“

Dazu hat es etliche Anfragen für Seminare und Workshops, selbst aus Bremen und Oldenburg, gegeben. So wurde das Jadebad auch unterhalb der Woche genutzt, die Jade Hochschule war mit ihrem Nepal-Projekt zu Gast und verwandelte die Suedbar in ein Filmset, Unternehmen nutzten die Räumlichkeiten für motivierende Teammeetings und es geht weiter.

Am 23. September wird das schwere Tor vorm Jadebad noch einmal für das Kurzfilmfestival Blende Eins geöffnet. Und auch danach soll nicht Schluss sein im Jadebad in der Wilhelmshavener Südstadt direkt am Kanal, ist Vereinsvorsitzender Bertram zuversichtlich: „Es wurden 876 Unterschriften gesammelt, um das Gelände weiter nutzbar zu machen.“ Und dafür scheint es gut auszusehen. Gespräche mit Organisationen, Vereinen und Firmen werden geführt, um das Jadebad als nichtkommerziellen, soziokulturellen Ort aufrecht zu erhalten.