Wilhelmshaven

12.04.2019


Freitagsgespräch: Kann "kein Nein" automatisch "Ja" bedeuten?


Der Transplantationsbeauftragte Prof. Dr. Gundolf Gubernatis ist entschieden gegen die Widerspruchslösung. Der Mediziner fragt sich, ob Unentschlossene über den Tisch gezogen werden sollen.


Prof. Dr. Gundolf Gubernatis. WZ-Foto: Lübbe. Großes Bild:  Derzeit wird diskutiert, die Gesetzgebung zum Thema Organspende von einer Zustimmungs- zu einer Widerspruchslösung umzuformulieren.     DPA-Foto:    Stache

Prof. Dr. Gundolf Gubernatis. WZ-Foto: Lübbe. Großes Bild: Derzeit wird diskutiert, die Gesetzgebung zum Thema Organspende von einer Zustimmungs- zu einer Widerspruchslösung umzuformulieren. DPA-Foto: Stache

 

Von Kristin Hilbinger

Wilhelmshaven - Der Wilhelmshavener Mediziner Prof. Dr. Gundolf Gubernatis ist Transplantationsbeauftragter des Verbandes Leitender Krankenhausärzte. Von 2000 bis 2005 war er geschäftsführender Arzt der Region Nord der Deutschen Stiftung Organtransplantation.

Von 2005 bis 2010 war er als Vorstand Krankenversorgung am Reinhard-Nieter-Krankenhaus Wilhelmshaven beschäftigt.

WZ: Sind Sie Organspender und warum?

Prof. Dr. Gubernatis: Organspende ist eine gute und notwendige Option. Daran gibt es überhaupt keinen Zweifel. Ich selber habe das als geschäftsführender Arzt für Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein der Deutschen Stiftung Organtransplantation jahrelang organisiert und war immer Organspender. Im Moment lasse ich meine Bereitschaft jedoch ruhen, weil ich für mich persönlich die Durchführung der Hirntoddiagnostik als nicht ausreichend sicher empfinde. Indirekt gibt mir das neue Gesetz über bessere Strukturen und Zusammenarbeit in der Organspende Recht, denn das sieht vor, dass man einen bundesweiten Rufbereitschaftsdienst von Experten hat, die den Hirntod feststellen. Wenn das kommt, stelle ich meinen Ausweis wieder auf Spende.

WZ: Derzeit ist vorgeschrieben, dass zwei Ärzte unabhängig voneinander den Hirntod anhand einer Reihe von Untersuchungen diagnostizieren müssen. Mindestens einer von ihnen muss Neurologe sein. Wieso reicht Ihnen das nicht?

Gubernatis: Facharzt ist nicht gleich Facharzt. Es gibt natürlich viele, bei denen die Qualifikation völlig außer Frage steht, zum Beispiel langjährige Fachärzte neurologischer Intensivstationen. Aber in den meisten Kliniken wird diese Diagnose sehr selten gestellt. Da ist die Frage, wie viel Erfahrung die Ärzte dann mit der Hirntoddiagnostik haben. Zusammen mit Mitstreitern habe ich in meiner damaligen Funktion immer gefordert, dass es speziell für die Hirntoddiagnostik eine Zusatzausbildung von der Ärztekammer gibt, dass es eine Zusatzqualifikation gibt und dass es eine Mindestanzahl von Hirntoddiagnostiken gibt, die man gesehen haben muss, bevor man selbstverantwortlich diese Diagnose stellen darf. Aber das ist bisher alles nicht der Fall.

WZ: In Deutschland gilt derzeit die Zustimmungslösung. Organspender tragen einen Ausweis bei sich, auf dem sie festgehalten haben, ob im Falle ihres Todes Organe entnommen werden dürfen und wenn ja welche. Eine Organentnahme ist nach der Feststellung des Hirntods erlaubt. Doch kann man die Frage „Wann bin ich wirklich tot“ überhaupt beantworten?

Gubernatis: Es braucht dazu einen gesellschaftlichen Konsens darüber, wann ein Mensch tot ist. Das kann in verschiedenen Kulturkreisen sehr unterschiedlich sein. In den westlichen Ländern, wie in Deutschland, gilt nicht nur der „klassisch“ Tote mit den typischen Todeszeichen wie Starre etc., sondern auch der Hirntote als tot, wenngleich diese Konvention nach wie vor in einigen Teilen der Bevölkerung umstritten ist. Der Hirntod ist dann eingetreten, wenn ein Mensch nicht nur nichts mehr denken und fühlen, sondern auch nicht mehr eigenständig atmen kann. Klein- und Großhirn sowie Hirnstamm haben für immer ihre Funktion eingestellt. Das ist prinzipiell sicher diagnostizierbar. Dennoch hat der Patient noch Reflexe, weil der Kreislauf und die Beatmung durch Maschinen künstlich aufrechterhalten werden. Das ist das Schwierige, das es den Angehörigen zu erklären gilt.

 

 

Dies ist ein Auszug. Den vollständigen Artikel lesen Sie in der "Wilhelmshavener Zeitung" von Freitag, 12. April 2019. Erhältlich bei allen gängigen Verkaufsstellen und auch als ePaper