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08.03.2013


Druckrohrleitung ohne Auffangbecken sinnlos


ICBM-Abteilungsleiter Prof. Dr. Gerd Liebezeit bereiten die Sole-Einleitungen in die Jade Kopfzerbrechen. Ein Großteil der Einleitungen von Nährstoffen in die Jade ist nicht hausgemacht. Sie kommen als Ferntransporte aus urbanen und landwirtschaftlichen Ballungsgebieten. Ein Interview.


Die Arbeiten an der neuen Druckrohrleitung zur Kläranlage kommen voran. Das Bild zeigt die Baustelle an der Kreuzung Virchowstraße/Ebertstraße.     WZ-Foto:    Lübbe

Die Arbeiten an der neuen Druckrohrleitung zur Kläranlage kommen voran. Das Bild zeigt die Baustelle an der Kreuzung Virchowstraße/Ebertstraße. WZ-Foto: Lübbe

 

Von Norbert Czyz


Wilhelmshavener Zeitung: Die Technischen Betriebe lassen eine Druckrohrleitung vom Pumpwerk Süd zur Kläranlage bauen. Reicht das aus, um die Jade von Fäkalien zu entlasten?

 

Prof.

 Dr. Gerd Liebezeit: Die Investition bringt nur etwas, wenn das, was mit der Druckrohrleitung zum Klärwerk gepumpt wird, auch geklärt wird. Das setzt voraus, dass vor die Kläranlage ein Rückhaltebecken vorgeschaltet oder die Kläranlage erweitert wird.

 

WZ: Welche Schadstoffquellen haben wir noch?

 

Prof. Dr. Liebezeit: Wir haben Einträge von Ammonium, Nitrat und Phosphat über die Siele rund um den Jadebusen und die Innenjade, vom Wangersiel über das Maadesiel bis zum Jade-Wapeler-Siel. Über die Nährsalze wissen wir recht gut Bescheid. Was fehlt, sind Informationen über Stoffe, die tatsächlich negative Effekte hervorrufen können - wie zum Beispiel in der Tiermast verwendete Verbindungen - oder neuere Daten zu Schwermetallen.

 

WZ: Welche Stoffe sind besonders problematisch?

 

Prof. Dr. Liebezeit: Vor allem die Stoffe, über die noch wenig oder gar nichts bekannt ist. Hormonell wirksame Substanzen, wie sie in der Tiermast verwendet werden oder die auch aus Plastik ausgelaugt werden, können z. B. zur Vermännlichung von Meeresschnecken oder zur Verweiblichung männlicher Fische führen. Zudem werden nach meinem Wissen die Krankenhausabwässer, in denen man ganz sicher Medikamente und deren Rückstände erwarten kann, ohne spezielle Behandlung in das Abwasser und damit auch in die Innenjade gelangen.

 

WZ: Wieviel Stickstoff kommt über die Siele in den Jadebusen und die Innenjade?

 

Prof. Dr. Liebezeit: Das sind im Mittel 1400 Tonnen pro Jahr.

 

WZ: Kommt da noch was hinzu?

 

Prof. Dr. Liebezeit: Über den Niederschlag kommen allein für den Jadebusen 1500 Tonnen pro Jahr und über die Kläranlage noch einmal 230 Tonnen.

 

WZ: Wie kommt der hohe Wert im Niederschlag zustande?

 

Prof. Dr. Liebezeit: Das sind im Wesentlichen NOx, also Stickoxide aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe; und Ammoniak-Einträge aus der Landwirtschaft, mit der hohen Wahrscheinlichkeit, dass das alles über Ferntransporte, zum Beispiel aus der Gegend um Vechta, und den urbanen Ballungszentren im Südwesten zu uns gelangt.

 

WZ: Was bedeutet das für das Watt?

 

Prof. Dr. Liebezeit: Im Watt selbst machen diese hohen Einträge sehr wenig aus, weil das Watt lichtlimitiert ist. Die Nährstoffe werden aber in die küstennahe Nordsee exportiert. Das kann dort, wo das Wasser vor den Inseln klarer wird, dazu führen, dass sich Algenblüten entwickeln - Stichwort Schaumalgen.

 

WZ: Was heißt lichtlimitiert?

 

Prof. Dr. Liebezeit: Lichtlimitiert heißt in diesem Fall, wir haben so viel mineralische Trübung im Wasser, dass das Licht nicht sehr tief eindringen kann.

 

WZ: Können Sie sich an einen besonderen Fall von Schaumalgen erinnern?

 

Prof. Dr. Liebezeit: Ja, bis Mitte der 1990er Jahre kam das regelmäßig vor. Bekannt dürfte das Bild mit dem Pferd bis zum Bauch im Schaum sein, das damals auf Norderney entstand. Aber es gibt auch noch andere Arten wie z.B. das Meeresleuchttierchen, das sich im Sommer regelmäßig vor den Inseln massenhaft als Reaktion auf hohe Mikroalgenzahlen im Wasser entwickeln kann. Die Art ist eigentlich harmlos, aber ein Indikator dafür, dass das System vor den Inseln doch stark belastet ist.

 

WZ: Sie gehen davon aus, dass sich die Fäkalienbelastung nach Starkregenereignissen am Banter Siel/Südstrand nach dem Bau der Druckrohrleitung entspannt?

 

Prof. Dr. Liebezeit: Ja, aber nur dann, wenn der Inhalt aus der Druckrohleitung zurückgehalten und dann geklärt wird. Wenn es ungeklärt eingeleitet wird, kommt es über den Tidestrom auch an den Südstrand.