Wilhelmshaven

12.03.2019


Ein Stromer vom Feinsten


Audi präsentiert sein erstes reines E-Auto und sucht sein Glück in der Oberklasse. Eine Testfahrt mit dem e-tron.


Der e-tron ist der erste reiner Stromer von Audi. Die WZ durfte ihn vor dem Verkaufsstart Probe fahren.     WZ-Foto:    Gabriel-Jürgens

Der e-tron ist der erste reiner Stromer von Audi. Die WZ durfte ihn vor dem Verkaufsstart Probe fahren. WZ-Foto: Gabriel-Jürgens

 

Von Malte Kirchner

Wilhelmshaven - Elektrisch muss nicht gleich exotisch sein. Wer an elektrisch betriebene Autos denkt, hat unweigerlich die stromlinienförmigen Modelle der vergangenen Jahre vor Augen, die eher an Konzeptstudien erinnern als an Fahrzeuge des Alltags.

Vielleicht liegt darin auch ein Grund, dass die Stromer auf den deutschen Straßen trotz ausgelobter Prämien durch die Politik und trotz des Elans der Start-Up-Hersteller wie Tesla längst noch nicht im Alltag angekommen sind. Die deutschen Hersteller können deshalb aufatmen: Weil die Elektromobilität nicht so schnell wie die Fahrzeuge ins Rollen kommt, hatten sie Zeit, aufzuholen. Eine Weile kursierte die Befürchtung, dass sie von den neuen Namen am Markt überholt werden könnten.

Das Einsteigen in den neuen Audi e-tron macht vieles von diesen Befürchtungen vergessen. Wir durften den ersten reinen Stromer in Großserie von Audi beim Autohaus „Schmidt und Koch“ einmal zur Probe fahren. Erst im Laufe dieses Monats ist offizieller Verkaufsstart. Jetzt schon kann er aber vor Ort in Augenschein genommen werden.

Schon das Äußere des SUV macht deutlich: Audi hat seinen Stromer in der Oberklasse verortet. Hier haben die Hersteller ganz unterschiedliche Ausrichtungen: Während einige im Kleinwagensegment unterwegs sind, suchen immer mehr Hersteller ihr Glück in der gehobenen Mittelklasse - wie etwa beim Hyundai Ioniq oder beim Opel Ampera. Audi hingegen macht ein klares Statement mit dem e-tron, der im Inneren viele Ausstattungsmerkmale der Spitzenmodell-Reihen Audi A6 und A8 sowie deren Bedienkonzept vorweist. Er hat dafür aber auch einen stattlichen Preis: Ab knapp 80.000 Euro geht es los.

Dafür finden Käufer allerdings auch ein Fahrzeug vor, das den Spagat schafft, einerseits hochmodern zu sein und gleichzeitig grundsolide daherzukommen. Der für Stromer typische Aha-Effekt des rasanten Losfahrens, da gleich das volle Drehmoment zur Verfügung steht, paart sich hier mit Alltagstauglichkeit, etwa durch den 660 Liter großen Kofferraum und die für ein E-Auto sehr geräumigen Ausmaße der Fahrgastzelle.

Audi rühmt sich, die bekannte Designsprache mit der Elektromobilität in Einklang gebracht zu haben. Futuristisch mutet an dem Auto die durchgehende LED-Rücklichtleiste an, die es aber auch schon bei Benziner- und Dieselmodellen gibt. Vor allem aber die Außenspiegel - oder das, was davon übrig geblieben ist - stechen gleich ins Auge. Zugunsten des geringeren Luftwiderstands wurde auf den Segeleffekt konventioneller Rückspiegel verzichtet und stattdessen auf schnittige Röhren gesetzt, in denen Kameras stecken. Deren Bilder erblickt der Fahrer in hochauflösenden OLED-Displays in den Türen. Auf der rechten Seite ist das vom Fahrer aus gesehen keine große Umstellung, auf der linken Seite ist es aber erstmal sehr ungewohnt, in die Tür und nicht nach außen zu blicken, wenn man zum Beispiel die Spur wechseln möchte.

Das Cockpit enthält viele digitale Elemente, Bildschirme und haptische Touchscreens. MMI Navigation plus mit Touch Response nennt sich das System, das Finessen bietet, wie etwa eine virtuelle 3D-Draufsicht aufs Fahrzeug beim Rückwärtseinparken, die offenbar aus den verschiedenen Außenkamerasignalen errechnet wird. Etwas konservativ mutet es an, dass Apple CarPlay und Android Auto noch den USB-Kabelanschluss benötigen. In der Mittelkonsole findet man Anschlüsse und eine Ablagemöglichkeit, um das Smartphone kabellos per Qi aufzuladen.

Auf der Straße macht das Fahrzeug mit Luftfahrwerk nicht nur äußerlich eine gute Figur, es schnurrt Stromer-typisch sanft und extrem leise dahin, wobei es mehrere Fahrmodi gibt. Vom Druckpunkt des Gaspedals erinnert der e-tron eher etwas an einen Diesel als an einen typischen Stromer. Dies hat den Vorteil, dass er nicht gleich bei leichtem Antippen davonrast, sondern wohldosiert langsam in Bewegung gesetzt werden kann. Ab einem gewissen Druck beschleunigt er dafür umso stärker. Höchsttempo ist 200 km/h, wobei E-Autos keine Rennwagen sind und es etliche Gründe gibt, allen voran aber den Akku, nicht ganz so schnell zu fahren.

Der „Elephant in the Room“ ist bei den Stromern sowieso die Reichweite und da macht der neue Audi keine Ausnahme. Bis zu 400 Kilometer soll er laut Klassifizierung schaffen, 300 halten Kenner für realistisch. Sondereffekte wie winterliche Kälte und exzessives Nutzen der Extras können zusätzlich am Ladestand nagen. Danach muss der e-tron an die Steckdose: Entweder zuhause an die konventionelle 220-Volt-Dose oder besser an eine 11 kW-Ladestation, wo die 85 kWh-Batterie binnen etwa acht Stunden wieder voll geladen ist. Schöner ist natürlich der Gebrauch von großen Ladestationen - bis zu 150 kW sind möglich, aber das scheitert in Deutschland oftmals noch an der Infrastruktur.

Oberklasse-Technik sei Dank lotst der e-tron seinen Fahrer auf längeren Distanzen so, dass er die ohnehin empfehlenswerten Fahrpausen mit einer Schnellladung fürs Auto kombinieren kann. Dennoch: Wer häufig Langstrecke fährt, wird derzeit noch kaum bis gar nicht für reine Stromer zu begeistern sein. Anders liegt der Fall, wer in einem Radius von 300 Kilometern unterwegs ist und selten mal die Republik durchquert.

80.000 Euro für ein Auto - das ist unabhängig von der Antriebsart kein Preis, den sich jedermann leisten kann. Gleichwohl ist der e-tron ein deutliches Statement eines großen deutschen Autoherstellers in Richtung E-Mobilität. Man darf gespannt sein, wohin die Reise weiter geht.

 

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf der "Multimedia"-Seite in der "Wilhelmshavener Zeitung" von Dienstag, 12. März 2019. Erhältlich bei allen gängigen Verkaufsstellen und auch als epaper.