Wilhelmshaven

27.11.2018


Das iPad neu erfunden


Das neue iPad Pro von Apple ist die deutlichste Veränderung des Tablets seit Anbeginn. Leider auch beim Preis.


Das neue iPad Pro von Apple hat nur noch einen schmalen Rahmen. Als Zubehör gibt es eine Tastatur, die per Magnethalterung befestigt wird. Auch der Apple Pencil der zweiten Generation (oben) haftet magnetisch an dem Gerät.     Foto:    Apple

Das neue iPad Pro von Apple hat nur noch einen schmalen Rahmen. Als Zubehör gibt es eine Tastatur, die per Magnethalterung befestigt wird. Auch der Apple Pencil der zweiten Generation (oben) haftet magnetisch an dem Gerät. Foto: Apple

Von Malte Kirchner

Wilhelmshaven - „Das Einzige, was sich nicht geändert hat, ist der Name“, lässt Apple vollmundig in der Werbung zum neuen iPad Pro verlauten. Und: „Wie ein Computer. Und wie kein Computer.“ Beide Aussagen werden in der Tech-Welt seit Erscheinen der neuen Gerätegeneration vor einigen Wochen engagiert diskutiert.

Und beide haben wir in unserem Test der Variante mit 11-Zoll-Display besonders betrachtet.

Tatsächlich haben wir es beim neuen iPad Pro mit der größten Änderung des Gehäusedesigns seit dem iPad Air vor fünf Jahren zu tun. Statt runder Ecken zeigt das neue iPad Konturen. Nicht einschneidend, wie einige Couch-Surfer fürchteten. Aber schon spürbar anders. Der Home-Button auf der Vorderseite gehört wie zuvor schon beim iPhone X der Vergangenheit an. Dadurch ist mehr Bildschirmfläche vorhanden. Zwar ist der Rand immer noch dicker als beim iPhone, aber das Mehr an Fläche genügt, um in den Ausmaßen des 10,5-Zoll-Vorgängers 0,5 Zoll mehr Bildschirm unterzubringen. Beim 12,9-Zoll-Display geht Apple einen anderen Weg und hat den Rand einfach abgeschnitten, so dass das Gerät bei gleicher Displaygröße wie der Vorgänger kleinere Maße hat. Dadurch hat es seine mitunter kritisierte Flächigkeit verloren.

Nehmen wir noch das Steuerungskonzept hinzu, ist das iPad Pro sogar die größte Veränderung seit Anbeginn des Apple-Tablets. Wie beim iPhone X und Xs basiert sie nun mehr auf Gesten. Der Abschied von den Hardware-Tasten schreitet voran. Der Fingerabdrucksensor Touch ID, der bislang im Home-Button saß, wurde durch die Gesichtserkennung Face ID ersetzt. Diese leistet sehr gute Dienste und arbeitet nach unserem Empfinden sogar noch verlässlicher als auf dem iPhone, was aber vielleicht auch der Tatsache geschuldet ist, dass iPads häufiger in Räumen und weniger draußen verwendet werden. Eine Herausforderung war es für die Apple-Ingenieure, dass das Tablet auch öfter quer verwendet wird. Verdeckt der Anwender mit seinem Handgriff die in der Seite des Rahmens versteckte Kamera weist ein weißer Pfeil auf dem Bildschirm dezent darauf hin. Eine gute Lösung.

Was wirklich disruptiv ist, ist der Wegfall des von Apple selbst erfundenen und exklusiv eingesetzten Lightning-Anschlusses für Strom und Zusatzgeräte. An dessen Stelle tritt der bei Computern heute immer häufiger verbreitete USB-C-Anschluss. Besitzer eines Vorgängergeräts dürfte diese Änderung im ersten Moment alles andere als erfreuen, wird doch viel Zubehör wertlos oder es müssen Adapter erworben werden. Dies gilt zum Beispiel auch für Kopfhörer mit 3,5mm-Klinkenstecker, da dieser Anschluss in der neuen Generation ebenfalls entfällt. Vorteilhaft ist USB-C, da künftig viele Geräte und Zubehörartikel verwendbar sind, die auch an klassischen Computern angeschlossen werden können.

Weiterhin verfolgt Apple mit dem iPad Pro den Anspruch, einen vollwertigen Computerersatz zu liefern. Zumindest in punkto Leistung muss der Anwender hier auch keine Abstriche hinnehmen. Der neue A12X-Bionic-Prozessor, wie immer eine Eigenentwicklung Apples, bewegt sich laut Leistungstests auf dem Niveau des Core i7-Prozessors von Intel. Noch deutlicher sind die Verbesserungen bei der Grafikeinheit.

Warum dann also die Debatte, ob das iPad kein vollwertiger Computer ist? Die Antwort hierfür liegt in dem, was sich am neuen iPad nicht geändert hat: Der Software. Trotz vieler Verbesserungen bleibt iOS in vielem hinter einem klassischen Computer zurück. Das Multitasking ist nur eingeschränkt und mit zwei Apps gleichzeitig möglich. Und freien Zugang zum Dateisystem gewährt Apple trotz Einführung der Dateien-App nicht. Dies sind nur zwei Beispiele und der Grund dafür ist nicht mangelnde Leistungsfähigkeit, sondern eine bewusste Entscheidung Apples zugunsten einer größeren Einfachheit. Immerhin: Das Angebot von Pro-Apps ist zwar immer noch überschaubar, aber es wächst beständig und qualitativ - jüngst hat Adobe eine vollwertige Version von Photoshop fürs iPad angekündigt.

Zurück zu den eingangs erwähnten Werbeaussagen: Unter dem Strich hat sich bei den neuen iPad Pros tatsächlich sehr vieles, aber nicht alles geändert. Ärgerlich für langjährige Kunden: Ihre Treue zum Produkt wird nicht belohnt, wenn sie viel Zubehör besitzen. Und die Computer-Frage? Die hängt wie eh und je davon ab, was der Nutzer für Software benötigt und welche Arbeiten er mit dem Computer erledigt. Je nachdem kann das iPad Pro vollwertiger oder teilweiser Ersatz sein. Das Pendel schlägt angesichts neuer Möglichkeiten immer mehr in Richtung Vollwertigkeit.

Wer sich allerdings eine günstigere Alternative zum Notebook verspricht, wird enttäuscht sein: Das iPad Pro war nie günstig, ist aber jetzt noch teurer geworden. Die Preise beginnen bei 879 Euro - dafür gibt es in dieser Preisklasse aber nur 64 GB Speicher. Mit 256 GB ist der Anwender über 1000 Euro. Die Maximalausstattung (12,9 Zoll) mit Mobilfunk und 1 TB Speicher schlägt gar mit 2099 Euro zu Buche. Nimmt man noch Keyboard und Pencil von Apple dazu, landet der Käufer schnell bei sehr hohen Summen.

Alternative: Das im Frühjahr vorgestellte iPad dürfte für viele Privatnutzer in punkto Leistung völlig ausreichend sein. Allerdings hat es nur ein 9,7-Zoll-Display. Wer ein größeres Display möchte, hat keine Alternative zum iPad Pro.