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28.03.2012


Technik: Kabel die die Welt bedeuten


Seekabel sind die Adern, die das am Internet am Leben halten. Ein wichtiger Schauplatz ist dabei das ostfriesische Norden.


Vor allem zwischen Europa und den USA verlaufen etliche breitbandige Seekabel. Die Erde ist längst mehrfach umwickelt. FOTO: Cablemap.Info

Querschnitt eines Nachrichten-Seekabels. Grafik: Wikipedia

Von Malte Kirchner

Wilhelmshaven/Norden Fast ein Zettabyte an Daten (eine Zahl mit 22 Ziffern) wird im Jahr 2015 durch die Datenleitungen des Internets fließen. Diese „Wettervorhersage“ wagte der Netzwerkausrüster Cisco Mitte vergangenen Jahres. Die Daten von sechs Milliarden DVDs würden dann pro Minute durch das Netz geleitet.

 

Und wie das bei technischen Vorhersagen oft so ist: Sie werden häufig durch die Realität eingeholt. Die zunehmende Verbreitung von LTE-Handys und Videodiensten wird die Zahl wahrscheinlich noch weiter nach oben schrauben.

 

Gegenüber dem Datenaufkommen des Jahres 2002 würde der so genannte Traffic im Jahre 2015 um das 75-fache ansteigen. Um diese Datenmengen zu bewältigen, braucht es leistungsfähige Verbindungen. Für die Telekommunikationskonzerne ist der Netzausbau eine große Herausforderung.

 

Wurde die Bandbreite damals in der Zahl der Sprachkanäle gemessen, zählen heute die Daten, die pro Sekunde bewältigt werden können. Von Vorteil ist dabei, dass die Telefonie zunehmend digitalisiert wird. „Voice over IP“ nutzt Datenpakete und schafft Platz in vorhandenen Kabeln. Diese können effizienter ausgenutzt werden, als wenn einzelne Kanäle exklusiv einem Gesprächsteilnehmer zur Verfügung stehen.

 

Die Adern, durch die das Blut der digitalen Welt fließt, sind vor allem Seekabel. Satelliten spielen aufgrund der langen Reaktionszeiten und ihrer nicht so langen Haltbarkeit eine untergeordnete Rolle.


Die für Deutschland wichtigen Drähte laufen unweit von Wilhelmshaven und Friesland im beschaulichen ostfriesischen Norden zusammen. Dort unterhält die Deutsche Telekom das Competence Center Submarine Cables Norden. Mehrere gewaltige internationale Verbindungen landen dort an, deren Daten in die europäischen Hochgeschwindigkeitsnetzwerke eingespeist werden. Welche Rolle Norden im internationalen Kontext spielt, wurde deutlich, als amerikanische Geheimdienste die Stadt und ihr Seekabelzentrum als potenziellen Anschlagsziel für Terroristen deklarierten.

 

Nun sind Internetverbindungen glücklicherweise redundant, was der Sicherheit Nordens förderlich ist. Die viel größere Gefahren für die Internetdatenverbindungen der Welt liegen sowieso eher auf hoher See: Kabelbrüche sind so alt wie das Verlegen von Seekabeln. Die erste Telegrafenverbindung zwischen dem französischen Calais und dem englischen Dover wurde 1851 schon nach wenigen Tagen von einem Anker gekappt.

Neben Schiffen sind auch Fangnetze, Meerestiere und vor allem Seebeben Gefahrenherde, die für die Kabel böse Folgen haben können. Im Internetzeitalter entstehen durch Ausfälle hohe wirtschaftliche Schäden. Und die Dimensionen der Kabel sind heute ganz andere als beim ersten Telegrafenkabel.

 

Norden ist unter anderem an drei große Seekabel angeschlossen: TAT-14 (15 428 Kilometer lang), das mit 3,2 Terrabit pro Sekunde Deutschland mit Frankreich, Großbritannien, Dänemark, den Niederlanden und den USA verbindet, SEA-ME-WE 3, das 39 000 Kilometer lang ist und 39 Kabelstationen bis Australien anbindet, sowie ein mit 20 Gigabit pro Sekunde vergleichsweise kleines 557 Kilometer langes Kabel von Deutschland nach Großbritannien.

 

Doch der 1991 als Seekabelendstelle gegründete Standort in Norden ist nicht nur Übergabepunkt für bedeutsame Kabel. Als Kompetenzzentrum werden von dort aus zudem Notfalleinsätze im Zuständigkeitsgebiet der Deutschen Telekom koordiniert. 46 Mitarbeiter zählt die Stelle, die rund um die Uhr besetzt ist. Bricht irgendwo ein Kabel, ist internationale Aufmerksamkeit gewiss. Aus diesem Grunde setzt sich die Seekabelendstelle selbst ein Zeitfenster von 15 Minuten, um den Schaden zu lokalisieren und eine Umleitung zu schalten. Das digitale Blut muss durch die Adern fließen – irgendwie, irgendwo, Hauptsache: sofort.