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Wilhelmshaven - Donnerstag, 22.10.2009

Ein von Gott vergessenes Kind


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Ursel Kraft kam mit 16 Jahren ins Kinderheim „Birkenhof“ in Hannover. WZ-Foto: Knothe

Als die Zustände in konfessionellen Kinderheimen der 50er-bis 70er-Jahre öffentlich wurden, holte auch Ursel Kraft die Vergangenheit ein. Inzwischen kann sie darüber reden.

 

Von Kristin Kleyhauer



Wilhelmshaven - „Kein Kind ist von Grund auf schlecht.“ Am Ende ihres Manuskripts zitiert Ursel Kraft den Jesuitenpater Flanagen. Auf 31 Seiten hat die 55-Jährige einen Bericht über ihr Leben verfasst. Um mit dem zurecht zu kommen, was sie von Klein auf ertragen musste.

 

Kein Kind ist von Grund auf schlecht. Genau das wurde Ursel Kraft jedoch vermittelt. Damals, als sie an einem Februartag im Jahr 1970 im „Birkenhof“ ankam, einem Kinderheim in Hannover - Evangelische Fürsorge und Krankenanstalt, hieß es im Untertitel.

 

Was Ursel Kraft und unzählige andere Kinder und Jugendliche dort erlebten, hatte mit Fürsorge jedoch nichts zu tun, wie die F’grodenerin heute sagt. „Der Pastor, der das Heim leitete, machte mir sofort klar, dass ich das letzte Glied in der Kette bin. Nichts wert, klein und unglaubwürdig.“

 

Sie habe schnell gelernt, sich unterzuordnen, sei zum Ja-Sager erzogen geworden. Die angedrohten Sanktionen machten es den Erzieherinnen leicht.

 

„Meine Mutter ist nicht mit mir zurecht gekommen“, erklärt die 55-Jährige, warum sie als Pubertierende ins Kinderheim geschickt wurde. „Die Drohung ,Du kommst ins Heim’ stand bei jeder Kleinigkeit im Raum.“ Eine Mitarbeiterin des hiesigen Jugendamts lieferte das Mädchen schließlich im Birkenhof ab. Zwei Jahre sollte sie dort bleiben.

 

Dort kam sie in Gruppe 9, genannt „die Familie“. Die Erzieherin war die „Familienmutter“. Noch genau kann sie sich an den endlos langen mit braunem Linoleum ausgelegten Flur erinnern, von dem die Türen zu den Zimmern abgingen. „Schlimmer hätte ich es mir im Gefängnis auch nicht vorstellen können“, sagt sie. Auch die Postkontrollen, der mit Stacheldraht gesicherte Zaun, der nachts mit Schäferhund patroullierend Wachmann und die geschlossenen Fenster halten diesem Vergleich durchaus Stand.

 

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