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Wilhelmshaven

16.02.2018


Murat Kurnaz blieb stärker als all seine Folterer


Murat Kurnaz wurde fünf Jahre unschuldig in Folterhaft in Guantánamo festgehalten. Die Erlebnisse schildert er in einem Buch.


Das Archivbild zeigt  Murat Kurnaz 2015 in Bremen vor einer temporären Installation gegen Folter. Die Brunnenplastik erinnert an das berüchtigte „Waterboarding“. DPA-Foto: Wagner

Das Archivbild zeigt Murat Kurnaz 2015 in Bremen vor einer temporären Installation gegen Folter. Die Brunnenplastik erinnert an das berüchtigte "Waterboarding". DPA-Foto: Wagner

 

Von Michael Halama

WZ: Herr Kurnaz, was ist eigentlich aus dem kleinen Nachbarsmädchen geworden, das Ihnen 2006 bei Ihrer Heimkehr nach Bremen den Bart gekrault und „Opa“ zu Ihnen gesagt hat?

Murat Kurnaz: Dieses Mädchen geht heute zur Schule und wird sich sicher nicht an diese Situation erinnern können.

Für mich war dies ein rührender Moment, eine tiefe menschliche Begegnung nach fünf Jahren des Schreckens.

WZ: „Fünf Jahre meines Lebens“ heißt Ihr Buch, in dem Sie von der unmenschlichen Haft im US-amerikanischen Gefängnis Guantánamo berichten. Sie wurden als Unschuldiger von 2001 bis 2006 festgehalten, haben Folter und Isolationshaft ebenso erdulden müssen wie Nahrungs- und Schlafentzug. Können Sie heute eigentlich wieder ruhig schlafen - oder wachen Sie Nacht für Nacht schweißgebadet auf?

Kurnaz: Zum Glück werde ich nicht von Alpträumen gejagt, ich schlafe gut. Wenn ich aufwache dann durch meine Kinder, aber diese Art der „Störung“ kennen ja alle jungen Eltern. Andere Ex-Gefangene Guantánamos wurden seelisch und körperlich so beschädigt, dass sie kein normales Leben mehr führen können und ihnen jede Lebensfreude versagt bleibt.

WZ: Wie haben Sie es geschafft, Ihren Lebenswillen dort nicht zu verlieren und unter unwürdigen Bedingungen Ihre Würde zu bewahren?

Kurnaz: Halt hat mir mein Glaube gegeben, das Wissen um meine Unschuld, die Sehnsucht nach meiner Familie, der Versuch, mich auch körperlich stark zu halten. Und ich habe mich immer wieder gewehrt. Das hat zwar weitere Bestrafungen ausgelöst, ich habe mir dadurch aber ein Stück Selbstachtung erhalten.

 

„Murat Kurnaz: Fünf Jahre meines Lebens. Ein Bericht aus Guantánamo“. Lesung und Diskussion am Mittwoch, 21. Februar, 18.30 Uhr, Hans-Beutz-Haus, Virchowstraße 29.

 

Mehr als elf Jahre ist es her, dass Murat Kurnaz aus der Gefangenschaft befreit wurde. Er war 2001 unter dubiosen Umständen in Pakistan verhaftet und ohne Beweise und Anklage in Guantánamo festgehalten worden. Maßgeblich beeinflusst durch das Engagement seines Anwalts, Bernhard Docke, setzte sich schließlich auch Angela Merkel für seine Freilassung ein. Nach fast fünf Jahren rechtswidriger Inhaftierung wurde Murat Kurnaz im August 2006 entlassen. Der Fall zeigt, wie leicht der notwendige Kampf gegen den Terror zur Verletzung fundamentaler Menschenrechte führen kann. Murat Kurnaz, der heute wieder in Bremen lebt, wird kommenden Mittwoch in der VHS von seiner Internierung in dem berüchtigten US-Gefangenenlager berichten. Begleitet wird er von seinem Anwalt Bernhard Docke, der die Rolle der deutschen Politik darstellt und den Fall Kurnaz rechtlich einordnet.