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Gestern und Heute

28.04.2013


Strandgut vor Wangerooge war beliebt


Schiffsstrandungen waren für die Inselbewohner früherer Jahrhunderte kein Unglück. Sie eigneten sich das "Strandgut" gern an.


Bootsschuppen der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger in den Dünen östlich des Dorfes mit dem Strandrettungsboot John Köster. FOTO: Inselarchiv Walter Oetken

Von Jürgen Peters

 

Wangerooge - In der Nacht vom 19. auf den 20. November 1992 brachte ein starker Nordwestwind mit Böen um zehn Beaufort  die Nordsee zum Kochen. Die Besatzung eines umgebauten Kutters funkt drei Seemeilen nördlich von Wangerooge SOS.

Nach einem Wassereinbruch müssen die vier Männer samt Bordhund ihr Fahrzeug aufgeben.

 

Der in Wilhelmshaven stationierte Seenotkreuzer „Vormann Steffens“ ist schnell zur Stelle, rettet drei Skipper und das Tier aus den eisigen Wellen. Die Suche nach dem vierten Mann bleibt vergebens.

 

Einige Wochen zuvor, in der Nacht zum 17. September, haben ein Segler und seine Begleiterin ihr Leben dem schnellen Eingreifen der Besatzung des Seenotrettungsbootes „Wilhelm Hübotter“ von der Station Wangerooge zu verdanken. Ihre Yacht war offensichtlich wegen irrtümlicher Peilung aus dem Fahrwasser geraten, leck geschlagen und in kürzester Zeit gesunken. Beobachter der SAR-Wache ("Search And Rescue", dt. "Suche und Rette") auf der damals noch aktiven Wangerooger Marinesignalstation hatten die roten Leuchtkugeln und die brennende Handfackel gesichtet. Kurz vor Mitternacht wurden die Schiffbrüchigen gefunden und aufgenommen.

 

Trotz modernster Überwachungstechnik und lückenloser Beobachtung gibt es noch größere Strandungen – Pallas, Fides, Ondo sind hier nur ein paar Namen aus jüngerer Zeit.

 

Dazu zählt auch  die Havarie des Dreimasters „Aquila Marina“. Der 38 Meter lange Toppsegelschoner – Eigner war zu der Zeit der Rennfahrer Jochen Mass – war aus der Karibik kommend nach Deutschland unterwegs zu einem Großseglertreffen in Bremerhaven. Der Skipper verwechselte die Ansteuerung von Jade und Weser und vergaß dann, als er seinen Fehler bemerkte, die Abdrift durch den Flutstrom zu berechnen.

 

Die Folgen waren fatal: Kurz nach Mitternacht, drei Stunden vor Hochwasser, steuerte er seinen Schoner fünf Seemeilen östlich von Wangerooge im Labyrinth der Sandbänke auf die Mellumplate. Sofort schlug der Holzrumpf des Oldtimers leck, Wasser brach hinein. Und dann machte der Skipper den nächsten Fehler. Statt Anker zu werfen, ließ er die Segel bergen und versuchte, mit seiner 256 PS starken Maschine selbst frei zu kommen. Dabei legte sich die „Aquila Marina“ quer zu Brandung und strandete. Zehn Minuten später funkte der Kapitän SOS, Leuchtraketen standen hell über dem Wattenhimmel.

 

Der Wilhelmshavener Seenotrettungskreuzer „Vormann Steffens“ barg  die sieben Menschen, darunter zwei Kinder, aus einer Rettungsinsel und zwei Dingis. Morgens um vier betraten die Geretteten in Wilhelmshaven wieder festen Boden.

 

Allein zwischen 1666 und 1850 wurden nahezu einhundert Strandungen vor Wangerooge, Spiekeroog und Langeoog registriert. Die oft vergeblichen Versuche, die Menschen von den Schiffen zu retten, führten im Jahr 1865 in Kiel zur Gründung der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS). Sie hat heute ihren Sitz in Bremen. Ihre Rettungsmänner haben seitdem rund 60 000 Menschen aus Seenot gerettet.

 

Im Mittelalter gehörte das, was an den Strand gespült wurde, dem  Finder. Gestrandete wurden zu Leibeigenen. Später beschränkte die Obrigkeit das Eigentumsrecht auf Sachen, bis das Deutsche Reich 1874 die Strandungsordnung erließ. Seitdem ist das Eigentum an den gestrandeten Sachen beim Geschädigten geblieben, der es  gegen Erstattung der Bergungskosten bei den Strandvögten und -ämtern geltend machen konnte.

 

Diese "Strandungsordnung" wurde 1990 aufgehoben und durch das im bürgerlichen Gesetzbuch geregelte Fundrecht ersetzt, wonach der Finder das Eigentum erst dann erwerben kann, wenn der rechtmäßige Eigentümer den Besitz der Sache aufgegeben hat.